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SR-XT-500 Forum Für Fahrerinnen, Fahrer und Fans
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 03.09.2007 22:44 Titel: |
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Ich möchte nicht mit Tina tauschen. Sie ist dazu verdammt auf dem Beifahrersitz Stossgebete auszusenden ohne wirklich eingreifen zu können. Ich bin stolz auf dieses Mädchen. Sie vertraut mir, ohne Murren und Wehklagen. Sie zickt nicht rum, sie jammert nicht und sie gibt immer seltener diese kleinen kieksenden Laute von sich. Und das obschon ihre Handflächen schweissnass sind und die Fingerknöchel schneeweiss.
Wir passieren noch etwa zwanzig Kilometer weit tiefe Schlammlöcher, die meisten aber nicht mehr als fünfzig Meter lang.
"Das geht" sage ich, haue den ersten rein und trete das Gas durch. Schauderhafte Geräusche vom Fahrzeugboden, ein wenig Schlingern, ein wenig Motorenjaulen und schon sind wir durch.
Bis zur Provinzgrenze zwischen Zambezia und Nampula dauert die Strassenbaustelle und damit die stellenweise miserable Strecke an. Pünktlich an der Grenze beginnt es zu regnen. Es wird schlagartig dunkel und wir haben noch ca. hundert Kilometer bis Nampula, etwa 350 bis zur Ilha de Mocambique. Die schlechte Strasse hat uns erheblich aufgehalten.
An der Grenze die übliche Polizeikontrolle
"Guten Abend mein Herr, wie geht es Ihnen?"
"Gutten Abbänd Härr Offisier, gätt gutt und Du?"
"Danke, es geht mir auch sehr gut"
"Wie gätt Deine Kinder und Frau?"
"Danke auch sehr gut mein Herr, ihre Fahrzeuglegitimation bitte."
"Bittä ist nurr vorrläufiges Legitimationn weill istä gemittete Auto. Bin ich Tourista aus Deutschelande."
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieh."
Das war keine Ekelbekundung von dem Polizisten, sondern der typisch afrikanische Laut des Erstaunens. Amtsinhaber schieben begleitend zu dem langanhaltenden Iiiiiiiii zunächst die Schirmmütze in den Nacken, kratzen sich an der Stirn und schütteln breit grinsend den Kopf. Der Ton selbst steigt in der Melodie zur Mitte hin leicht an, fällt dann ab und wird immer leiser.
"Woher kommen Sie mit diesem Auto?"
"Maputo"
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeehh!!! Mit diesem Auto?" (tellergrosse Augen unter der Schirmmütze)
Der Polizist deutet die Strasse zurück Richtung Matschlöcher:
"Sie sind diese Piste gefahren? Über Alto Moloque?"
Ich nicke
"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeeeeeeeeeh!!!!!"
Ich halte die ganze Zeit den Führerschein bereit. Der Polizist reicht mir meine KFZ-Papiere salutiert formvollendet, zeigt auf meinen Führerschein und sagt: "Den brauche ich nicht, Sir, da wo sie herkommen muss man fahren können."
Wir fahren die hundert Kilometer bis Nampula im strömenden Regen und beschliessen dort zu übernachten. Das Hotel gehört einem Inder und kostet 90 Euro pro Nacht. Viel Geld, aber bis hierher ist alles gut gegangen und ich will das Schicksal nicht herausfordern. Afrika ist dunkel nachts. Wer jemals eine Afrikanische Strasse bei Nacht gefahren ist, der weiss, woher die Redewendung vom schwarzen Kontinent kommt.
Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:12, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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T. Tinoccio

Anmeldedatum: 15.08.2005 Beiträge: 3876 Wohnort: FT,EX-Heidelberg
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Verfasst am: 03.09.2007 23:33 Titel: |
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"Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieeeeeeeeehh!!! Mit diesem Auto?"....Sag ich doch...
ein Kumpel vom mir hält gerade Ausschau nach einen Geländewagen...
... für deutsche Gefilde....  |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 04.09.2007 01:01 Titel: |
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Abends gehen wir essen. Wir suchen ein Restaurant, das vor zwei Jahren mal sehr gut war. Zwei Polizisten kontrollieren den Verkehr Richtung Stadtauswärts. Sie winken mich vorbei. Ich halte dennoch und frage:
"Entschulligen Härr Obapolisist. Wo finden Restaurant Arco Iris?"
Der angesprochene wendet sich an seinen Kollegen:
"Hier ist ein Herr, der das Restaurant Arco Iris sucht!"
"Fahren Sie die zweite Strasse Strasse rechts, dann die erste rechts und sofort wieder links. Dort ist das Museum und gegenüber ist das Restaurant"
"Dankärschenn."
Zweite rechts, erste wieder rechts, erste links. Kein Museum. Auch kein Restaurant. Das ist ein Afrikanischer Klassiker. Der hochachtungsvolle Afrikaner gibt eine Antwort, wenn man ihn etwas fragt. Keine Antwort ist unhöflich. Dann lieber eine falsche Antwort.
Ich fahre zurück zu dem Polizisten und frage ihn, ob er ein Restaurant empfehlen kann, das jetzt noch geöffnet hat. Er sagt mir, dass er das nicht darf. 5000 Meticais später darf er doch. Wir essen bei einem moslemischen Wirt. Kein Rotwein zum Abendessen....
Diese Nacht im 90 Dollar Luxushotel war nicht an Schlaf zu denken. Die Klimaanlage funktioniert nur dann wenn sie schnaubt und stampft wie Frau Mahlzahn bei Jim Knopf. Wenn man sie ausschaltet schmilzt man einfach weg. Die Sicherungen der Hoteltüren wirken auch nicht eben beruhigend und die Matraze ist weicher als Marshmallows.
Ich weigere mich den vollen Preis zu bezahlen, als ich feststelle, dass wir kein Wasser zum Duschen haben. Zu meinem Erstaunen willigt der Hotelier sofort in einen deftigen Preisnachlass ein. Ich habe bestimmt irgendwas übersehen....
Wir wollen einige Tage auf der Ilha de Mozambique bleiben und wissen, dass Obst und Gemüse dort stets Mangelware sind. Also suchen wir Shoprite, eine Filiale des Südafrikanischen Woolworth-Konzernes. Woolworth gilt im südlichen Afrika als Nobel-Marke, etwa mit Boss bei uns vergleichbar. Shoprite sind die Woolworth Lebensmittelhändler. Alles, was man nicht vom lokalen Häufchen-Manager kaufen kann findet man dort. Ich halte neben einem Polizisten und frage:
"Wo finden Shoprite?"
Ein kleiner Strassenjunge kommt angespreisselt und ruft: "Ich führe Euch, ich führe Euch, ich fahre mit Euch zu Shoprite, ich kenne den Weg..."
Der Polizist zieht ihn am Ohr zurück und sagt "Du willst die ja doch nur beklauen, verzieh Dich." Dann beschreibt er uns den Weg. Wir sind ungefähr einen Kilometer oder etwas mehr vom Supermarkt entfernt.
Kaum sind wir dort angekommen flitzt der kleine von eben um die Ecke und verlangt 10000 Meticais für seine Wegbeschreibung. Ich lache und sage ihm, der Polizist habe mir doch den Weg beschrieben. Der Junge lacht auch und sagt, dann will er wenigstens mein Auto bewachen während des Einkaufs. Ich willige ein.
Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:12, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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alien Forumsweiser
Anmeldedatum: 09.11.2006 Beiträge: 785 Wohnort: 69427 Mudau
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Verfasst am: 04.09.2007 08:33 Titel: |
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schön. wenn ich mir diese strapatzen so sehe könnte ich weinen aber so wie du es beschreibst fange ich an zu sabern. wann gehts weiter?
es |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 04.09.2007 11:54 Titel: |
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Um die Mittagszeit herum kommen wir an der Brücke zur Ilha de Mozambique an.
Die Ilha war in der Blütezeit der portugiesischen Kollonie die Hauptstadt von Mozambique. Da die Südafrikaner immer wieder versuchten, die Bucht von Delagoa und die 1875 gegründete Hafenstadt Lourenco Marques in Ihren Besitz zu bekommen, um einen Ozeanzugang für Johannesburg einzurichten, verlegten die Portugiesen 1898 den Regierungssitz und ihre Streitkräfte dorthin. Ihren heutigen Namen, Maputo, erhielt die neue Hauptstadt erst 1976 als die verhassten Portugiesen abgezogen waren.
Die Ilha de Mozambique verfiel seit sie nicht mehr Hauptstadt war zunehmend. Dieser Trend kehrt sich seit 1991 langsam um: sie wurde wegen ihrer Kolonialbauten zum UNESCO-Welterbe erklärt.
Seit ca. 1100 nach Christus trieben islamische Kaufleute aus Sansibar hier Handel und liessen sich nieder. Geschichtsschreibung ist stets die Geschichte der Europäer. Auch wenn die Hochkulturen weit älter sind. Vasco da Gama traf 1498 als erster Weißer den Scheich der Insel, Moussa Ben Mbiki, von dem sich der Name Mozambique ableitet. Die Begegnung soll friedlich verlaufen sein. 1506 besetzten die Portugiesen Tristão da Cunha und Alfonso de Albuquerque die Stadt und errichteten ab 1508 an der Nordspitze der Insel das Fort Sao Sebastian mit einem ungeheuern Geldaufwand. Sie liessen sich die Steine nummeriert aus Europa liefern.
Die Insel wurde zum bedeutendsten Hafen Südostafrikas. Von hier wurden die beiden wichtigsten Exportartikel in die ganze Welt verschifft: Gold und Sklaven.
Die Ilha de Mozambique war bis 1898 Sitz des Generalgouverneurs, eines Bischofs und eines deutschen Konsuls. Noch heute zeugen der Gouverneurspalast, eine Kathedrale, das Zollhaus, etliche Faktoreien ein riesiges Krankenhaus, Jugendstillaternen und vieles mehr von dem vergangenen Glanz. Die Bevölkerung bestand 1895 aus 150 Weißen, meist Portugiesen, mehreren hundert Mischlingen, häufig mit indischen Genen, die vom Handel mit Goa lebten, einigen Chinesen und Arabern und 4000–5000 Makua. Heute leben in Folge des mörderischen Bürgerkrieges über 50 000 Menschen auf der nur 1,5 km² grossen Insel. Die Ilha beherbergt viele Flüchtlinge, weil sie aufgrund ihrer geographischen Lage nie Schauplatz des Bürgerkrieges war.
Die Brücke ist gerade so breit, dass ein Landrover oder ein Minibus noch zwischen den Pollern an der Einfahrt hindurch passt. Sie ist 3400 Meter lang und einspurig. 5 Ausweichstellen bieten Raum, um den entgegenkommenden Verkehr passieren zu lassen. Die Brückenmaut beträgt umgerechnet etwa 8 Cent pro Automobil. Auf der Ilha wird man von einem gigantischen Luftwurzelbaum in Empfang genommen, dessen Krone den Sammeltaxis Schatten spendet.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:13, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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EXI Urgestein

Anmeldedatum: 07.08.2005 Beiträge: 536 Wohnort: Karlsruhe / Baden
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Verfasst am: 05.09.2007 10:32 Titel: |
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Justus,
wirklich Priiiieeemaa
mehr - mehr
EXI |
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kommmschmit Badisches Urvieh

Anmeldedatum: 07.08.2005 Beiträge: 11084 Wohnort: Eberbach / Baden
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Verfasst am: 05.09.2007 10:52 Titel: |
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Nee, ich glaube nicht dass ich mir so eine Reise freiwillig antun würde aber der Bericht ist Spitze Justus.  _________________ Ich ärgere mich nicht
und wenn ich verrecke vor Zorn (mein Lebensmotto) |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 05.09.2007 13:15 Titel: |
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Wir fahren auf der holprigen ausgewaschenen Schlaglochpiste das Ostufer der Ilha entlang. Die Ilha ist nur etwa eineinhalb Kilometer lang und um die 300 Meter breit, das heisst, nichts ist wirklich weit. Unser Quartier haben wir bei Donna Flora im "Casa Branca". Wir residieren im "Weissen Haus", schräg gegenüber von der Sommerresidenz des Gouverneurs.
Donna Flora und Papa Abdallah, der Haushälter empfangen uns freudig. Wir beziehen unsere Zimmer und gehen erst mal an den Strand unterhalb des Fortaleza.
Es ist unvermeidlich, dass all die "Perlenkettenhändler" sofort um uns herum sind. Sie sind älter geworden seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren und erste Spuren von bescheidenem Wohlstand sind zu sehen. Nur ganz wenige haben keine Schuhe, fast alle schicke Klamotten. Das heisst ohne Löcher und mit coolen Fussballernamen oder ähnlichem drauf. Das muss ich noch ergründen....
Ich schicke die Jungs erst mal alle weg und mache ihnen klar, dass ich jedem, der mich noch einmal anspricht nichts mehr abkaufen werde. Das zieht immer. Der einzige, der es jetzt noch wagt, seine Stimme zu erheben, als ich ins Wasser gehe ist ein etwa zehnjähriger Bengel namens Jerry
"How are you my friend?"
"Fine thanks, and how are you?"
"Thank you, I'm fine. My Name is Jerry"
"Hallo Jerry I am Justus"
"You stay in Casa Branca Jussuf?"
Ich muss grinsen. Klar wissen die Bengel schon längst, wo wir wohnen und wie lange wir bleiben werden. Wahrscheinlich haben sie schon ihre gesamte Verkaufsstrategie zurechtgelegt und sind jetzt nur noch dabei den möglichen Erlös zu taxieren.
"Yes I am in Casa Branca. How old are you Jerry?"
"Yes I am Jerry."
"Do you go to school here Jerry?"
"Yes, school Jussuf. My name is Jerry."
Der Bengel spricht genausowenig Englisch, wie er Jerry heisst. Das aber sehr überzeugend. Jerry heisst wahrscheinlich wie fast alle anderen Jungs auf der Insel Mohammed. Die Kids geben sich selbst aber "hip-hop-names" weil das einfach cooler ist. Wir treffen Garry, Jerry, Johnson, Mohammed Number One, Mikel, Sunny, Harry Potter und Mister T.
"Do you have a pen for me?"
Ah, daher weht also der Wind. Ich sage Jerry, er soll um sechs Uhr zum Casa Branca kommen, dann habe ich einen Kuli für ihn. Ich habe den verlumpten Knirps mit den wachen Augen ins Herz geschlossen. Er weiss das.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:15, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 06.09.2007 01:33 Titel: |
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Die Ilha de Mozambique hat ein Luxushotel "Omuhi'piti", das von der Familie Bin Laden gebaut wurde und überwiegend leer steht. Es gibt eben keiner 90 Dollar in der Nacht aus, um sich mit Armut konfrontieren zu lassen. Und irgendwann musst Du raus. Eine wunderschöne Allee aus Bäumen mit verschlungenen Stämmen führt vor dem Hotel zum Strand beim Fortaleza. Neben dem Strand liegt die Marina eines deutschen Unterwasserarchäologen, die Basis für Tauchausflüge und Bar ist. Der Strand wird regelmässig von den Hotelbesitzern und den Betreibern der Marina gereinigt. Es ist damit der einzige Strand dieser paradiesischen Insel, der nicht zum Verrichten der Notdurft verwendet wird.
Auf der Ilha leben sehr viele Schüler. Es gibt etliche Internatsschulen und es gilt selbst unter den Ärmsten der Armen als Statusbeweis, irgendwie das Schulgeld zusammenzubetteln oder zu verdienen. Manche Kids sind von ihren Familien protegiert und müssen sich um Schulgeld keine Sorgen machen. Die meisten können sich keine Schule leisten. Ein paar sind clever genug, den Touristen Dienstleistungen wie z.B. Führungen über die Geschichtsträchtige Insel anzubieten, oder selbstgefädelte Ketten zu verkaufen.
Die Ketten werden aus Perlen gefädelt oder aus Muscheln. Für die Muschelketten werden kleinen Muscheln die Spitzen abgeschlagen, wobei etwa zwei Drittel der Muscheln unbrauchbar wird. Die brauchbaren werden auf Angelschnur gefädelt. So verbringen die Kids schon mal drei bis vier Stunden mit der Produktion einer einzigen Kette, die dann für ca. 80 cent feilgeboten wird. Klar, der erste Preisvorschlag liegt bei etwa 5 Dollar.
Die Perlenketten bestehen aus allerlei Strandgut, aus "Sklavengeld", also den antiken Glasperlen mit denen Sklaven von einheimischen Händlern abgekauft wurden und aus Keramikscherben. Rund um die Ilha liegen mehr als zweihundert antike Schiffswracks auf Grund.
Die Jungs tauchen illegal und ohne Ausrüstung zu den Wracks, die nicht zu tief liegen, also bis ca. 8 Metern Tiefe. Dort graben sie nach Sklavengeld und fädeln das dann auf. Diese ketten kosten dann schon mal 2 Dollar.
Da seit eineinhalb Jahren ca. alle sechs Wochen ein Kreuzfahrtdampfer aus Südafrika vor der Ilha ankert und im Anschluss schlagartig ca. 400 Touristen für acht bis zwölf Stunden die Insel kahlfressen wie ein Heuschreckenschwarm, gedeiht langsam der aufkeimende Reichtum bei den Kettenverkäufern.
Die Kettenverkäufer sind allesamt Jungs. Sie sind witzig und quirlig und allgegenwärtig. Und wenn Du den einen weggeschickt hast und ihm gesagt, dass Du nicht interessiert bist, dann kommt der nächste, bietet Dir das gleiche Produkt zum gleichen Preis an und ist völlig erstaunt, wenn Du es von ihm auch nicht kaufst.
Kaufst du aber bei Johnson eine Kette, dann kommt Mikel mit grossen Dackelaugen und fragt Dich, warum Du Johnson hilfst, ihm aber nicht.
Kaufst Du Mohammed Number One eine blaue Kette ab, dann kommen fünf andere Mohammeds und zeigen Dir ihre blauen Ketten. Du bist eben ein Blaue-Ketten-Kunde.
Die Kids wissen auch, welche Ketten Du vor zwei Jahren gekauft hast, welche im vergangenen Jahr und welche gestern. "Du hast noch keine gelbe Kette gekauft. Du brauchst noch eine gelbe!"
Du kannst keinen Schritt aus dem Haus tun, nirgens sitzen und Kaffee trinken oder schwimmen gehen oder irgendwas tun, ohne diese Jungs. Wenn Du von der Pension zum Strand gehst sind sie da, sie sitzen am Strand um Dich herum und begleiten Dich nach Hause. Sie lesen Dir jeden Wunsch von den lippen ab und würden dir alles besorgen, jede Dienstleistung, jede Ware. Die Jungs sind lieb und sie nerven entsetzlich.
Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:17, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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tmacarthur Urgestein

Anmeldedatum: 16.01.2007 Beiträge: 345
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Verfasst am: 06.09.2007 08:58 Titel: toll |
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ein wirklich toller Bericht. Informativ und unterhaltend zugleich.
Aber was macht man mit solchen Jungs? alles Kaufen... oder nichts?
Ich bleibe gespannt
Grüße vom Schotten |
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pointer säxmäschien

Anmeldedatum: 07.08.2005 Beiträge: 9001 Wohnort: Ostfildern, Spätzlesland
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Verfasst am: 09.09.2007 16:00 Titel: |
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Auch von mir und Renate mal wieder ein "weiter so"
Bloss das mit den Nachtfahrten in Afrika hat ein Thema angeschnitten, dass ich gut vor meinem Unterbewußtsein versteckt geglaubt habe - mal sehen, was in den nächsten Nächten im Traum wieder hochkommt :shock:
P. _________________ Ottos Mops hopst ... (Ernst Jandl)
Wir sprechen verschiedene Sprachen, meinen aber etwas völlig anderes |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:19 Titel: |
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Jerry lungert seit fünf vor dem Casa Branca herum. Schliesslich habe ich ihm einen Kugelschreiber versprochen. Um sechs gehen wir los und wollen zum Restaurant Reliquias, der ersten Adresse, was Restaurants auf der Insel angeht. Insgesamt gibt es vier Restaurants und das Nobelhotel Omuhipiti, das auch eine Küche hat. Das Reliquias ist mit Abstand das beste und zugleich das schönste.
Jerry bekommt natürlich seinen Kugelschreiber, bedankt sich sehr artig dafür und gibt seiner Freude Ausdruck, jetzt ein beinahe vollwertiger Schüler zu sein. Einzig die Tatsache, dass er jetzt noch kein Heft habe sei etwas störend. Jerry begleitet uns zum Reliquias, wie immer sind einige Kettenverkäufer zufällig in der Gegend.
“Look, this very nice neckless. Its colours of Mozambique. This very antique. Look Jussuf, its red, white, brown and blue...” Woher nehmen diese Kerlchen nur den Langmut, mir stets das Offensichtliche zu erklären und mir die spannende Geschichte dahinter zu verschweigen?
“I make you very good price because you are my friend.”
Der Preis ist immer sehr gut. Der zuerst genannte ist sehr gut für ihn, der nach und nach reduzierte ist sehr gut für mich und der, zu dem ich die Kette letzten Endes erwerbe, obschon ich sie eigentlich garnicht brauche, ist in etwa landesüblich.
Das Reliquias hat geschlossen. Es hat zum Jahreswechsel den Besitzer gewechselt und wird jetzt umgebaut. Hoffentlich erkennt der neue Besitzer, dass er mit einem weiteren auf Nobel getrimmten Fresstempel keine dauerhafte Chance hier haben wird.
Ich kann jetzt noch ins Escondidinho gehen, ein französisch geführtes sehr gutes aber eben nicht ursprüngliches Haus im Kern der Insel, in das amerikanisch-sterile Omuhipiti, in das Casa d'Oru, eine Art Schnellrestaurant, wobei das Wort schnell nicht recht kompatibel mit Mozambique ist. Alles nicht so sehr reizvoll. Also gehe ich an den Mercado Municipal, in das O Palador, das von der apparten Chinesin Kiu-Kiu betrieben wird, und in das sich in der Regel keine Weissen verirren. Es sieht ein wenig nach Barracke aus und wird von Strassenkindern umlagert. Hier kann ich die Zutaten selbst mitbringen wenn ich möchte.
Ich kaufe ein paar Langusten und Jacobsmuscheln bei Fischern, bringe eine Ananas aus Nampula und bestelle Reis dazu, Rotwein und Ricoes. Wir speisen fürstlich, bezahlen wie die Bettler und gehen satt und zufrieden zurück zu unseren Betten.
Auf dem Weg zum Casa Branca erklärt mir Jerry, der während des Essens respektvolle Distanz gewahrt hat, dass es sehr schade sei, dass er so garkein Heft für die Schule habe, jetzt wo er doch einen so schönen und zweckmässigen Kugelschreiber besässe. Ich sage ihm:
“Morgen Jerry, gehen wir ein Heft für Dich kaufen”.
Er antwortet: “Ja, aber ich brauche fünf.”
Ich brauche eine Weile, mein Lachen zu unterdrücken.
“Okay Jerry, ich werde Dir fünf Hefte kaufen. Aber Du musst auch etwas für mich tun.”
“Ich kann doch nichts...”
“Überleg Dir etwas Jerry. Jeder kann etwas. Die Jungs hier zum Beispiel verkaufen Muscheln oder Ketten...” - sofort ist Mikel da um mir die Vorzüge einer sehr schönen schwarz-weissen Kette zu erklären,- “...andere bewachen das Auto...” mir ist bis heute unklar warum man ein Auto auf der Ilha bewachen muss, “...oder sie waschen mein Auto.” Ihr kennt mich. Wenn ich etwas für überflüssig halte ist es, ein Fahrzeug zu waschen. Aber wie soll ich meine kleinen Gaben an die Jungs rechtfertigen, damit sie denen nicht wie Almosen erscheinen? Sofort ist Johnson zur Stelle, um zu vereinbaren dass er mein Auto am nächsten Tag waschen wird. Er sagt, er sei ein hervorragender Autowäscher. Ich willige ein.
Jerry sagt, er kann nichts, aber er will nachdenken, ob er etwas für mich tun kann. Ich verrate ihm, dass ich Muscheln sehr schön finde.
Dann gehe ich zu Bett.
Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:18, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:20 Titel: |
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Am nächsten Tag sitzen all die Autowäscher, Kettenhändler, Reiseführer und Jerry schon ungeduldig an der Kaimauer vor dem Casa Branca und warten, bis wir Faulpelze endlich fertig gefrühstückt haben. Papa Abdallah, der nicht hier wohnt, sondern täglich mit seinem Fahrrad herkommt hat unsere Wäsche schon gewaschen und fragt, ob er die Jungs verscheuchen und das Auto waschen soll. Wir verneinen.
Wir sagen Genito bescheid, der eigentlich Harry Potter genannt werden möchte, dass er uns das Fortaleza und einige andere Sehenswürdigkeiten der Insel zeigen soll und senden Mohammed Number One aus, eine Dhau für uns ausfindig zu machen, mit der wir am nächsten Tag zum Festland segeln wollen. Papa Abdallah bitten wir, seine Tochter zu beauftragen am kommenden Tag eine Mussiro-Maske der Makuafrauen für Tina zuzbereiten. Ich möchte einen Zopf geflochten haben. Das macht die Schwester von Genito. Dann soll Papa Abdallah noch einen Termin mit dem Feticeiro vereinbaren. Das ist eine ernste Angelegenheit und braucht grossen Respekt, würdevolles Auftreten und seine Zeit. Papa Abdallah radelt nach Hause, zieht seinen besten (und einzigen) Anzug an und sucht den Zauberer auf. Während dessen ist Genitos Schwester eingetroffen, um mir den Zopf zu flechten.
Noch niemals hat mir jemand derart an den Haaren gerissen. Die Afrikanerinnen flechten nicht wie bei uns Sitte den äusseren Strang nach innen, sondern den inneren nach aussen. Dadurch können sie stärker an den Haaren ziehen und die Zöpfe werden so steif, dass sie zwei Wochen ohne Haargummi halten. Aisha schimpft fürchterlich über mein dünnes Haar und braucht vier Anläufe, bis sie mit dem Zopf fertig ist. Genügend Zeit für Jerry, mit mir zu besprechen, dass er mir noch heute eine sehr grosse Freude machen wird und bereits ausbaldowert hat, bei welchem Händler es besonders günstige Schulhefte gibt.
Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:20, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:21 Titel: |
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Das Fortaleza auf der Ilha de Mozambique wurde vom Teufel gebaut. Soviel ist sicher. Generationen von Einheimischen haben zugesehen, wie Ihre Töchter und Söhne, ihre Schwestern und Brüder, ihre Freunde oder die Kinder von den Portugiesen gefangen genommen wurden und in das Fortaleza verschleppt, die wie jedermann weiss, mit dem Dämon eng zusammen arbeiteten. Dort wurden Sie von dem unersättlichen und unerbittlichen Teufel, der das Fort bewohnt, mit Haut und Haaren verschlungen. Dieser Teufel schickte immer mehr seiner portugiesischen Knechte und Stadthalter aus, um seinen stetig wachsenden Hunger nach dem Fleisch, und den stetig wachsenden Durst nach dem Blut der einheimischen Bevölkerung zu stillen. Keiner der unglücklichen Menschen wurde jemals wieder lebend gesehen, keiner konnte je dem Dämon entkommen. Manche, die dem Teufel nicht schmeckten wurden ermordet und grauenvoll verstümmelt vor den Dörfern gefunden. Aus diesem Grund nähern sich nur sehr gottgefällige und mutige Schwarze dem Fortaleza, oder betreten es gar. Wenn Du auf der überbevölkerten Ilha irgendwo alleine sein möchtest, dann ist das nur im Fortaleza überhaupt denkbar. Und auch nur dann, wenn nicht gerade Harry Potter oder Mohammed Number One eine Touristengruppe durch das Fort führen, weil denen sowieso vor garnichts graut.
Die andere Version der Entstehung des Fortaleza Sao Sebastiao ist die, dass portugiesische Schiffe in den Jahren 1558 bis 1620 Stein für Stein um das Kap der guten Hoffnung herum getragen haben. Jeder einzelne nummeriert und auf einem Bauplan katalogisiert, eine logistische Meisterleistung zu jener Zeit, zumal man sich mit den Holländern im Krieg um die Seerechte auf dem Weg nach Indien und die Territorialrechte in Ostafrika befand. Die Sage vom Teufel, der das Fort erbaut habe wurde von dem Bauherren, Alfonso d'Albuquerque bewusst genährt, um möglichst grossen Respekt bei den Bantu und Makua zu erlangen.
Der aus einer fernen Gegend der Welt stammende dunkelgraue Granit, aus dem die gigantischen Mauern himmelhoch aufragen und das für afrikanische Verhältnisse riesige Ausmass des Bauwerkes tragen das Ihre zur Legendenbildung bei. Es gab nur zwei Eingänge zu jener Zeit. Einen gut bewachten und hermetisch verriegelbaren Zugang zur Ilha, der von der See aus nicht und von der Insel aus nur schwer erkennbar ist, und einen Ausgang vom Sklavenmarkt in den Katakomben direkt zur See.
Jeder Schwarze, der diesen Ausgang des Forts je zu Gesicht bekam war ein Sklave, oder dem Tod geweiht. D'Albuquerque hat als Afrika-Kenner und erfahrener Seemann bedacht, was in dieser Gegend der Welt entscheidend ist.
Er hat das Fort gross genug gebaut, um bis zu 2000 Menschen darin zu beherbergen, zusätzlich zu den Sklaven in den Kellern, die nicht als Menschen gerechnet wurden, sondern als Handelsware. Viele Menschen brauchen viel Nahrung, deshalb hat das Fort gewaltige Lagerräume, aber was in Afrika viel wichtiger ist, ist sauberes Trinkwasser. Aus diesem Grund ist die gesamte Dachfläche des Fortaleza so ausgelegt, dass sie möglichst viel Regenwasser aufnimmt und in die kühlen Gewölbezisternen des Fortaleza leitet. Die gesamte Anlage ist eine Art gewaltige Regenrinne. Die Menschen im Fort konnten Belagerungen von bis zu 12 Monaten standhalten, deshalb konnte das Fort nie eingenommen werden. So lang konnte keine Schiffsflotte je die Insel belagern, wie die Portugiesen in der Lage waren auszuharren, ohne darben zu müssen.
Reihen von Kanonen säumen alle Mauern des Forts. Einzig die Nordostspitze der Festung weist keine Kanonen auf. Aus Respekt gegenüber der hier schon seit 1521 ausserhalb der Festungsmauern stehenden Capela de Nossa Senhora de Baluarte. Diese Kapelle ist nicht nur das älteste erhaltene Gebäude in Mozambique, sondern zugleich das älteste europäische Gebäude auf der südlichen Welthalbkugel.
Ebenfalls aus Respekt vor der Kapelle wurde die Ilha nie aus Nordosten angegriffen. Alle Angreifer von See nannten sich gottesfürchtige Ehrenmänner.
Für Portugal war die Ilha de Mozambique und das Fortaleza Sao Sebastiao ein wichtiger Flottenstützpunkt auf dem Seeweg nach Indien, den Vasco da Gama 1498 entdeckt hatte. Seit 1507 gab es auf dem Boden des späteren Gouverneurspalastes erste Befestigungsanlagen. Hier konnte Proviant und Wasser geladen werden, wenn die immens wichtigen Gewürze, allen voran der Pfeffer, vom portugisischen Goa nach Lissabon transportiert wurden. Als Mozambique 1752 offiziell zu portugiesischem Besitz erklärt wurde, begann der Bau von Kathedrale, Gouverneurspalast und Lazarett. Die auf der Ilha residierenden Portugiesen lebten fürstlich von den Ressourcen der Afrikaner. Gold, Diamanten, Elfenbein und Sklaven. Die Mädchen in Mozambique sind schön, die Jungs kräftig und duldsam.
Als Meister der Logistik sorgten die Portugiesen dafür, dass kein Sklave länger als höchstens zwei Wochen im Fortaleza verblieb. So war sichergestellt, dass keine Fluchtpläne umgesetzt werden konnten, und kein Wissen über die Organisationsstruktur des Forts von alten Gefangenen an Neue weitergereicht werden konnte. Innerhalb kürzester Zeit wurden die glücklicheren in die Welt verschifft, einem ungewissen Schicksal entgegen, die unglücklicheren wurden ermordet und als Köder für den Fischfang gebraucht, oder den Einheimischen zur Warnung gegen Auflehnungsgedanken vor deren Siedlungen geworfen. Alleine auf die Zuckerrohrplantagen und in die Goldminen der portugiesischen Kolonie Brasilien sind zwischen 1700 und 1810 ca. 1 800 000 Sklaven aus Mozambique verschifft worden.
An der Ostseite des Fortaleza liegt am Fuss der unbezwingbaren Mauer der Hinrichtungsplatz. das letzte, was ein zum Tode verurteilter zu sehen bekam waren vier waffenstarrende Schiessscharten vor dem Dach der Kapelle, zu seiner Rechten den indischen Ozean und links den grauen Granit. Gerade als mir das durch den Kopf geht höre ich einen merkwürdigen Gesang. Draussen auf einer Klippe in der Brandung steht in weisse Tücher gehüllt die sechzigjährige Fatima und kantoniert auswendig gelernte Koransuren, deren Inhalt sie nicht kennt. Das tut sie jeden Tag zu dieser Zeit, seit vor dreissig oder vierzig Jahren ihr Mann nicht mehr mit seinem Fischerboot zurückgekehrt ist. Fatima hofft, er könne doch eines Tages wiederkehren, das Boot voller Fisch...
Nachdenklich gehen wir zum Strand zwischen Fortaleza und Marina.
Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:23, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:22 Titel: |
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Wir suchen uns einen schattigen Platz im weissen Sand im Schutz der Bäume mit ihren verschlungenen Stämmen. Im Augenblick ist Ebbe und die Mangroven stehen im trockenen. Wir legen uns hin und wollen einfach ein wenig Sonne geniessen, aber das Business lässt das nicht ohne weiteres zu:
“Look Jussuf, this very nice Neckless. Its blue and white...”
Ich erkläre Mikel und Garry, dass ich jeden, der mich in den kommenden zwei Stunden anspricht komplett aus der Lieferantenliste streichen werde. Die Neuigkeit wird schnell unter den Kollegen verbreitet. Jerry sammelt im Abstand von einem Meter rund um unser Lager Muschelscherben aus dem Sand und bringt sie mir. Ich erkläre ihm, dass ich durchaus in der Lage bin, im Sand zu liegen und Muscheln von Steinen zu unterscheiden. “Schau Jerry, ich bin ein Fremder aus Europa. Du lebst hier auf der Ilha de Mozambique. Ich sehe diese Muscheln hier auch, aber Du kennst Dich aus und weisst, wo man Muscheln findet, die ein Fremder nicht finden kann.” Jerry grinst vom einen Ohr zum anderen. Er hat eine Idee.
“Look, Padrao, this neckless very nice, it's black and red and white...” Völlig verdutzt sehe ich in das strahlende unschuldige Lächeln eines vielleicht zehnjährigen, den ich noch nie unter den Kettenhändlern gesehen habe. Jackson hat seinen kleinen Bruder als U Boot vorgeschickt, um rauszufinden, ob ich mit meiner Drohung ernst mache. Ich erkläre dem kleinen, dass er jetzt raus ist und ich ihm keine Kette abkaufen werde, solange ich auf der Ilha bin. Erfreut rennt er zu Jackson um dem Bericht zu erstatten.
Wir gehen zum Escondidinho und trinken einen Espresso. Die Weihnachtsdekoration hängt noch, es ist ja erst Mitte Januar. Weihnachtsmänner und Lametta in Afrika. Immerhin hat die Bedienung schon die rote Zipfelmütze mit dem weissen Plüschfell abgelegt. Schwarze mit Weihnachtszipfelmützen haben etwas kommödiantisches, wissen das aber nicht.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 15:00, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:23 Titel: |
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Vor dem Escondidinho wartet Genito (aka Harry Potter) um uns mehr von der Insel zu zeigen.
Der geschichtsträchtige Gouverneurspalast steht auf den Grundmauern der ersten portugiesischen Wehranlage von 1507 und ist kürzlich mit Geldern der UN renoviert worden. Er beherbergt eine Art heimatgeschichtliches Museum, das einen geringen Eintritt kostet. Im Eintrittspreis inbegriffen ist eine Führung durch eigens dafür ausgebildete konzessionierte Führer. Zumeist sind das Schüler der umliegenden Internate, da einzig diese genügend englisch, französisch oder portugiesisch sprechen. Unseren eigenen Führer, Genito, dürfen wir nicht mitnehmen. der spricht zwar unsere Sprache und ist auch in der Geschichte der Ilha unterrichtet und konzessioniert, aber er ist eben kein Wächter des Gouverneurspalastes. Wir sind unterwegs mit einem französischen Ärzteehepaar aus LaReunion. Daher werden Tina und ich von einem englischsprachigen Guide geleitet, die beiden Franzosen von einem französischsprachigen. Für Genito bezahlen wir Eintritt und nehmen ihn mit. Die Kasse am Eingang wird geschlossen, da nur die beiden Guides zur Verfügung stehen.
Der Palast ist gestopft mit kolonialem Kitsch und den Giveaways der vergangenen Herrschaftsdynastien. Wir bewundern die brokatbehangenen Betten von Königen, Sänften aus Ebenholz mit Elfenbeinverzierungen, gewaltige funkelnde Kronleuchter, verfallende Ölgemälde die einäugige Dichterfürsten zeigen, oder die Beweinung Christi. Allerlei Vasen und Büsten und verzierte Waffen sind zu bestaunen.
Wir bekommen von dem englischsprachigen Führer den Novizinnensaal gezeigt, der nur bei hohen Festlichkeiten genutzt wurde, um die Novizinnen zu unterrichten, was sie beitragen können, um bei ihrer Aufnahme in die Gesellschaft bei Hofe ihre Familien nicht blosszustellen. Die französische Übersetzung dieser Nutzung scheint “Schlafsaal der Königin” zu sein. Jedenfalls erklärt der Französischkundige voller Hingabe zum Detail dem Ärztepaar, der Raum sei diesem Zweck gewidmet gewesen. Vielleicht war es das Speisezimmer. Die räumliche Lage neben der Küche würde das zumindest anbieten.
Eindeutiges Highligt der Führung für mich war eine etwa halbmeterhohe Vase aus dem 19. Jahrhundert, mit dem kitschigen Bild eines blonden behelmten Kriegers. Der Führer erklärt uns mit ernster Mine und grossen ehrfürchtigen Augen, diese Vase sei im Jahre 1882 ein Geschenk gewesen des französischen Königs (!) an den portugiesischen Gouverneur. Sie sei die wertvolle Arbeit eines berühmten französischen Porzellankünstlers und zeige den berühmten französischen Feldherren Asterix.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:26, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:25 Titel: |
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Als wir am späten Nachmittag zum Casa Branca kommen wartet Jerry schon mit einem ganzen Beutel voller halb polierter Kaurimuscheln. Hocherfreut sage ich ihm, dass ich ihm nunmehr seine Schulhefte kaufen werde. Jerry murmelt etwas von Schuhen. Er hat noch nie im Leben welche besessen und er spricht von den unsäglichen 1 Euro Flipflops, die hierzulande Wegwerfartikel sind, in Afrika aber gängiges Bekleidungsstück.
Ich vereinbare mit Jerry für den kommenden Tag um 14 Uhr einen Termin zum gemeinsamen Einkauf. Wenn ich ihm einfach das Geld für die Hefte und Schuhe in die Hand drücke, dann wird er es mit seiner Mutter und deren Vermieter und was weiss ich wem teilen müssen. Hefte wird er dann jedenfalls keine bekommen. Als ich mir die Muscheln später näher ansehe, bemerke ich, dass jede einzelne eine Beschädigung irgendwo hat, und keine zu Ende poliert ist. Jerry hat meinem Rat folgend die Anlegestelle der Muschelfischer abgesucht. Für die Kreuzfahrttouristen werden Muscheln glänzend poliert, die aber keine Beschädigung haben dürfen. Wenn eine Muschel mit einem Loch dazwischen ist, dann wird die achtlos weggeworfen, und Jerry weiss wohin.
Am folgenden Morgen kommt Fatima, die Tochter von Papa Abdallah. Sie hat einen Mussirostock dabei, einen Stein, ein Eimerchen mit Wasser und einen Kamm. Der Stock ist ein entrindetes Aststück des Sauerpflaumenbaumes. Es wird in rythmischen Bewegungen – andere scheint es in Mozambique nicht zu geben – über den angefeuchteten Stein gerieben.
So entsteht eine zähe klebrige Paste, die Makuafrauen sich morgens in das Gesicht reiben. Gegen Abend, wenn ihre Männer nach Hause kommen, waschen sie die weisse Maske ab und haben eine unvergleichbar zarte, sanfte Haut. Vor der Hochzeit, wird die Braut von ihrer Familie am gesamten Leib mit Mussiro behandelt. Mit dem Kamm streicht Fatima Tina Mussiro ins Gesicht. Solange sie noch feucht ist, kühlt die Naturkosmetik, später dient sie als Sonnenschutz. Nach ca. zwei Stunden juckt es “Bleichgesicht” Tina und sie wäscht die Maske im Meer ab. Jetzt komme ich in den Genuss einer unglaublich zarten Haut meiner Freundin.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 15:01, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 13.09.2007 19:26 Titel: |
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Wir gehen zum Ufer vor dem Gouverneurspalast wo schon Mustafa mit seiner Dhau auf uns wartet.
Mustafa ist Mitte 20 und Fischer. Die Dhau hat er nach dem jahrtausendealten Vorbild dieser Boote mit seinem Vater gemeinsam gebaut, als er ein Junge war.
Die traditionellen Boote, mit denen Araber schon vor weit mehr als tausend Jahren die ersten Erkundungsfahrten mit den Monsunwinden nach Süden bis Tansania unternommen haben, scheinen für uns Europäer Relikte längst vergangener Tage zu sein. Sie werden bis zum Entrollen des Dreieckssegels wie venezianische Gondeln gestakt.
Das Segel des simplen Holzbootes wird bei starkem Wind ein paar mal um den Mast gewickelt, um weniger Fläche am Wind zu bieten. Bei voller Fahrt scheint die Dhau über das unsagbar klare Wasser zu fliegen. Kreuzen hart am Wind ist mit den uralten Booten ebenso möglich, wie alle anderen Mannöver mit modernen Segelyachten. Wir setzen einfach nur kurz zum Festland über, gehen kurz baden und kehren zur Ilha zurück.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 15:02, insgesamt 3-mal bearbeitet |
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hiha Forumsweiser

Anmeldedatum: 04.06.2006 Beiträge: 1724 Wohnort: Neubiberg b M.
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Verfasst am: 14.09.2007 12:57 Titel: |
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*Seufz*
Die Ferne ruft fei grad ganz schön laut nach mir...
Mehr!
Hans |
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fleisspelz Gast
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Verfasst am: 14.09.2007 16:44 Titel: |
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Johnson hat uns ein blitzblankes Auto hinterlassen und möchte fürstlich entlohnt werden dafür. Er nennt mir als Preis die grösste Summe, die ihm in den Sinn kommt. Als ich ihm etwa zehn Prozent davon anbiete rennt er schreiend und fluchend durch die Strasse. Ich steige kommentarlos in das Auto ein und lasse den Motor an. Er kommt zum Fenster und sagt "Its okay." Ich gebe ihm das Geld und er lacht zufrieden. In Maputo bekommen die Zwangswäscher etwa die Hälfte.
Ich fahre mit dem Auto, das vor dem Escondidinho im Schatten stand zum Casa Branca. Dort wartet Jerry schon auf mich. Heute wollen wir ja seine Hefte kaufen. Da der Knirps noch nie in einem Auto gesessen ist, denke ich mir, es wird ihn freuen, wenn ich mit ihm zum einkaufen fahre, obschon nichts auf der Ilha zu Fuss zu weit wäre. Er hat erkundet, dass man Hefte am besten bei einem bestimmten Händler am Fischmarkt kauft. Die Ilha hat drei parallele Strassen von jeweils ca. einem Kilometer Länge. Der Fischmarkt ist Luftlinie etwa dreihundert Meter vom Casa Branca entfernt.
Ich steige auf den Fahrersitz, Jerry auf den Beifahrersitz und Tina geht nach hinten. Ich sage Jerry, er soll mir den Weg zeigen. Jerry bekommt das Grinsen nicht aus dem Gesicht, die Kettenhändler im Gegenzug die Münder nicht mehr zu. Nach etwa fünf Kilometern Fahrt, bei der wir auch die engste und winkeligste Gasse nicht ausgelassen haben, sind wir endlich am Fischmarkt. Der Händler hat als einziger Hefte mit Schutzumschlägen der Fussballnationalmanschaften. Leider hat er nur noch vier Mal Portugal. Jerry gibt sich nur unter scharfem Protest gegen die betrügerischen Machenschaften des Verkäufers mit einem Mal Niederlande zusätzlich zufrieden.

Zuletzt bearbeitet von fleisspelz am 22.09.2007 03:33, insgesamt 2-mal bearbeitet |
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